2.4.3.1 Formaldehyd

Formaldehyd ist ein farbloses, wasserlösliches, stechend riechendes Gas. Als einfache organische Verbindung besteht es nur aus Kohlenstoff, Sauerstoff und Wasserstoff. Formaldehyd ist Ausgangsprodukt für Kunststoffe, Kleber und andere Chemikalien, die im Hausbau Verwendung finden.
Formaldehyd wird schon bei geringer Raumluftkonzentration als störend empfunden, die Geruchsschwelle beträgt hierbei 0,05 ­ 0,125 ppmfür Formaldehyd hat sich die Verwendung von ppm (parts per million) auch für die Luftkonzentrationen eingebürgert: hier gilt 0,1 ppm = 0,1 ml/m³ = 0,12 mg/m³4, wobei eine Reizung der Sinnesorgane bereits bei 0,01 ppm einsetzen kann. Über die akute und chronische Toxizität von Formaldehyd ist man sich teilweise noch im Unklaren, Versuche in den USA haben eine gewisse Kanzerogenität5 festgestellt. Seit 2004 wird Formaldehyd von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als "krebserregend für den Menschen" eingestuft.
Unbestritten ist die irritative6 Reizwirkung und weitere Symptome wie Kopfschmerzen, Unwohlsein, Konzentrations-Schwierigkeiten und Nervosität, ausgelöst durch die Aufnahme von Formaldehyd vor allem über die Atemwege.

Die in Wohngebäuden relevanten Mengen ergeben sich aus den Verleimungen von Holzwerkstoffen. Im Holz-Fertighausbau sind vor allem die Holzspanplatten zu nennen, deren Formaldehydausstoß bis 1980 nicht geregelt war.
Formaldehyd als Schadstoff in Innenräumen überschreitet bei fast 10% aller Haushalte den zulässigen BGA-Richtwert. [Zwiener, G.: Handbuch Gebäude-Schadstoffe, 1997]

In der Abhängigkeit zum verwendeten Leimsystem ergeben sich sehr unterschiedliche Emissionspotentiale.

Mit Harnstoff-Formaldehyd-Harz (UF) gebundene Platten stellen den größten Teil der im Hausbau verwendeten Spanplatten dar. Dieser Leim ist der wirtschaftlichste, setzt aber auch die größte Menge an Formaldehyd frei.

Mit Phenol-Formaldehyd-Harz (PF) gebundene Spanplatten setzen weniger Formaldehyd frei, sie werden zur Herstellung feuchtebeständiger Verleimungen eingesetzt (V 100). Der Einsatz beschränkt sich auf teilweise feuchte beanspruchte Bauteile, wie z.B. die Außenhülle von Gebäuden oder die Nassräume.
Da der Leim in den Platten selbst den Formaldehydpool darstellt, wird bis zum völligen Zerfall des Leimes ständig Formaldehyd ausgestoßen. Die Menge des ausgestoßenen Formaldehyds ist vor allem abhängig von der Temperatur und der vorhanden Luftfeuchtigkeit. Je wärmer und feuchter, desto mehr Ausstoß. Die sich einstellende Raumluftkonzentration hängt stark von der Raumbeladung7 und der Luftwechselrate8 ab.

Erst die 1980 erlassene ETB9 -Formaldehydrichtlinie zur Schadstoffminimierung in Innenräumen teilt die Spanplatten in drei Emissionsklassen ein:

Emissionsklasse Prüfkammerwert in ppm (=ml/m³)
E1 < 0,1
E2 0,1 ­ 1,0
E3 1,0 ­ 2,3

Andere Spanplatten als die der Emissionsklasse E1 haben im Hausbau heute keine Bedeutung mehr.
Trotz des von der ETB-Richtlinie festgelegten Wertes von 0,1 ppm kann es unter realen Bedingungen zu einer höheren Raumluftkonzentration kommen, da die in den Prüfkammerversuchen vorausgesetzte Raumbeladung (hier: 1 m²/m³) oft größer und die Luftwechselrate (hier: 1 h-1) meist geringer ist.
Da es für kanzerogene Stoffe keine Toleranzschwelle, sprich eine ungefährliche Dosis, gibt, müsste die zugelassene Raumluftkonzentration folglich mit 0 ppm angesetzt werden.

Der Eingreifwert des Bundesgesundheitsamtes (BGA, heute BGVV ­ Bundesinstitut für Gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin) liegt bei 0,1 ppm, hier sollte nach Meinung des BGA umgehend saniert werden. Darunter gelten Räume als gering bzw. bei einem Wert geringer als 0,0110 ppm als nicht belastet.

Für Luftbelastungen gibt es im Wesentlichen folgende Richt- und Grenzwerte, wobei rechtlich bindend nur der Wert der Maximalen Arbeitsplatz Konzentration (MAK) ist.

Grenz- und Richtwerte
MIK11D-Wert 0,02 ppm
MIKK-Wert 0,06 ppm
WHO ("wenig oder keine Besorgnis") 0,05 ppm
WHO Richtwert 0,08 ppm
BGA ­ Eingreifswert 0,1 ppm
MAK 0,5 ppm

Die weitaus größte Belastung mit Formaldehyd im Fertighausbau entstammt ursprünglich den hier eingesetzten Holzwerkstoffen, der so genannten Primärquelle. Nicht zu vernachlässigen sind alle Einrichtungsgegenstände, vor allem solche mit großen Oberflächen, auf denen sich über eine lange Dauer der emittierte Formaldehyd angereichert hat. Diese Sekundärquellen sind z.B. Teppiche und Vorhänge.
Weitere Quellen für Formaldehydbelastungen der Raumluft ergeben sich aber auch aus dem Einsatz von UF-Isolierschäumen, großflächigen Verleimungen sowie säurehärtenden Lacken auf Einrichtungsgegenständen und Parkettversiegelungen.

Zusammenfassung

Die Größenordnung der Innenraumbelastung mit Formaldehyd setzt sich durch folgende Faktoren zusammen:

  • Art der bei den eingesetzten Holzwerkstoffplatten verwendeten Bindemittel
  • Raumbeladung - während im Prüfkammerversuch das Verhältnis von Werkstoffoberfläche zu Raumvolumen mit 1m²/m³ festgelegt ist, zeigt sich in der Realität oft ein wesentlich höheres Verhältnis.
  • Raumklimatische Bedingungen, höhere Temperatur und Luftfeuchtigkeit lassen die Formaldehydabgabe steigen. Die in den Prüfkammerversuchen zugrunde gelegte Luftwechselrate von 1/h wird in den meisten Wohnbauten deutlich unterschritten (ca. 0,7/h).

1. Allgemeine Beschreibung des Fertighausbaus der Jahre 1950 bis 1980
2. Sanierungs- und Modernisierungsziele, bautechnische Anforderungen der Gegenwart
3. Sanierungsmethoden
4. Sanierung am Fallbeispiel
5. Schlussbetrachtung
6. Berechnungsanhang
7. Quellenangabe und Abbildungsnachweise